[Rezension] Das Buch der verlorenen Dinge - John Connolly

1/04/2017







Nach dem Tod seiner Mutter flüchtet sich der zwölfjährige David in die Welt der Bücher. Schon bald merkt er, dass sich Realität und Fantasie vermischen. Es beginnt eine abenteuerliche Reise an die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit.




Der 12 jährige David hat alles verloren. Trotz jeglicher Bemühungen stirbt seine Mutter an Krebs und lässt ihn mit seinem desinteressierten Vater allein zurück. Dieser findet schnell eine neue Freundin namens Rose, die trotz anfänglicher Annäherungsversuche ihrerseits für David stets die böse Stiefmutter bleibt. Als London eine Bombardierung durch Deutschland bevorsteht, ziehen sie sich in Roses großes Anwesen auf dem Land zurück und dort kommt auch Davids Halbbruder Georgie auf die Welt, den er wegen der großen Aufmerksamkeit, die sein Vater ihm schenkt, sehr beneidet und nicht richtig lieben lernt. Er zieht sich komplett in seine eigene kleine Welt voller Bücher zurück. Eines Nachts glaubt er die Stimme seiner Mutter zuhören und folgt ihr in den Garten, wo er sich in eine märchenhafte Welt verliert… Scheinbar ohne Zurück. 

Diese Welt stellt sich trotz bekannter Figuren wie Schneewittchen und Rotkäppchen als völlig bösartig, absurd und brutal heraus wodurch David einfach nur so schnell wie möglich zurück will, auch wenn er nie die Hoffnung verliert, dort seine Mutter wiederzusehen. Er hört von dem „Buch der verlorenen Dinge“, welches ihm Nachhause helfen könnte, daher macht er sich auf eine absolut abenteuerliche Reise quer durch das Märchenland, wo alles anders ist als erwartet…





Schon auf den ersten Seiten hat es mir das Herz zerrissen und ich konnte komplett mit dem kleinen David mitfühlen. Als er wie auch Alice in ein Wunderland seiner eigenen Fantasie stolpert, können wir ihn bei einer bemerkenswerten Wandlung begleiten und beobachten wie er scheinbar unlösbare Probleme meistert und immer wieder über sich selbst hinauswächst.
Der Autor zaubert eine ungewöhnliche und düstere Interpretation der Märchenwelt und arbeitet ganz eigene Interpretationen verschiedener bekannter Figuren ein, die es teilweise auch deftig hinter den Ohren haben. Aber auch die humorvollen Teile kommen nicht zu kurz! Mein persönliches Highlight war ein Schneewittchen, dass man so nicht erwartet, ein Schneewittchen, das absolut faul und hässlich ist und ihren Zwergen mächtig auf den Keks geht. Auch trifft man in dieser absurden Welt einige weitere Personen wie den namenlosen Förster, die man in sein Herz schließen kann und dauerhaft mitfiebert. Trotz der vielen verschiedenen Stationen fügt sich alles gut zusammen und so schafft der Autor eine absolut fesselnde Geschichte, in der auch die ein oder andere Moral nicht zu kurz kommt, wenn man zwischen den Zeilen liest.


Besonders das Ende hat mich sehr verzaubert, die Vorstellung, dass jeder nach seinem Tod in eine eigene und individuelle Fantasiewelt gelangt, ist einfach schön – wenn auch bittersüß.

Durch den sehr jungen Protagonisten, den jugendhaften Schreibstil und die Covergestaltung habe ich zuerst ein Buch für jüngere Menschen erwartet. Tatsächlich stand es in einer Buchhandlung bei den Büchern ab zehn Jahren und das ist es definitiv nicht, hier eine ganz große Warnung an Elternteile! Auch wenn es stellenweise nur indirekt geschrieben wird, von Pädo- und Zoophilie über Folter bis hin zu Verstümmelungen und Tod ist in dem Buch alles vertreten und deswegen würde ich auch empfindlichen Lesern, die bei Geschichten wie Game of Thrones zu viel bekommen, davon abraten.
Die Mischung aus märchenhaften Darstellung und realitätsgetreuer Brutalität hat mich sehr an den Film „Pan’s Labyrinth“ erinnert. 




Es wird zurecht oft als Märchen für Erwachsene bezeichnet.  Wenn man wie oben schon geschrieben auch ab und an mal zwischen den Zeilen liest, kann man sehr viel aus diesem Roman mitnehmen und sich auch selbst reflektieren. Die neuen Interpretationen von bekannten Märchen (aber auch die komplett neuen Geschichten) waren zum Teil wirklich witzig und originell, aber generell deckt dieses Buch das komplette Gefühlsspektrum ab. Für Fantasy- und Märchenfreunde definitiv eine Empfehlung!




Das Buch der verlorenen Dinge | von John Connolly | Erschienen am 3.12.2009 | Verlag List | Taschenbuch | 336 Seiten | 9,99€ 

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6 Kommentare

  1. Hey Celine
    Auf den ersten Blick sieht es wirklich wie ein Buch für eine jüngere Zielgruppe aus, auch der Klappentext spricht dafür. Mit deiner Rezensionhast du mich jetzt aber wirklich neugierig gemacht, also kommt das Buch mal eben auf die Leseliste :)
    Liebe Grüsse
    Julia

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    1. Freut mich zu hören, dass ich rüberbringen konnte, was ich rüberbringen wollte! Ich hab ja auch etwas für jüngere Menschen erwartet und wurde schon in den ersten Kapiteln überrascht. :)

      Liebe Grüße zurück! Danke für deinen Kommentar :3

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  2. Hi Celine,
    das Buch steht schon seit längerem bei mir im Regal, allerdings kann ich mich noch nicht so recht aufraffen, es zu lesen. Allerdings ist es durch deine Rezension grad etwas ins Zentrum des Interesses gerückt :)
    Herzlichen Dank dafür!
    Nela

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    1. Musst du unbedingt tun und es würde mich dann auch freuen, deine Meinung dazu zu lesen! :)
      Liebe Grüße und danke für deinen Kommentar! :3

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  3. Ahoi Celine,
    das Buch habe ich vergangenes Jahr auch gelesen. Ich wurde allerdings irgendwie nicht so ganz warm damit. Vielleicht auch, weil ich durch den Titel etwas ganz anderes erwartet hatte und nicht mit einem solch bösen Märchen gerechnet habe.
    Wenn ich diese Vor-Erwartung ausblende, dann kann ich mich dir mit Einschränkungen anschließen – ich fand es insgesamt mehr düster und skurril als witzig, und definitiv sehr brutal. Die Neuinterpretation bzw. Weiterführung der bekannten Märchen fand ich dagegen sehr interessant und spannend!
    Lieben Gruß
    Dominique

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    1. Helloo!
      Da sieht man mal wie unterschiedlich Geschmäcker sein können. Ich hatte auch was völlig anderes erwartet aber fand diesen "Böses Märchen Charakter" dann echt super :D
      Aber ist wahrscheinlich wirklich hilfreich, wenn man das vorher weiß und sich drauf einstellen kann.

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